Junge Philharmonie Oberschwaben

am 25.09.2021
Programm: Fredric Kroll (*1945) Eine Nacht an der Newa (drei Aktvorspiele zur gleichnamigen Oper) Uraufführung Peter Tschaikowski (1940-1893) Slawischer Marsch *** Paul Dukas (1865-1935) Sinfonie in C Interview Alban Beikircher - Fredric... weiterlesen
Tickets ab 10,50 €

Termine

Orte Datum
Bad Saulgau
Stadtforum
Sa. 25.09.2021 19:00 Uhr Tickets ab 10,50 €

Event-Info

Programm:
Fredric Kroll (*1945) Eine Nacht an der Newa (drei Aktvorspiele zur gleichnamigen Oper) Uraufführung
Peter Tschaikowski (1940-1893) Slawischer Marsch
***
Paul Dukas (1865-1935) Sinfonie in C

Interview Alban Beikircher - Fredric Kroll:

Alban Beikircher:
Ihre Oper entstand, wie Sie mir sagten, nicht auf Grund eines Auftrags, sondern aus einem inneren Antrieb heraus. Sie mussten sich, wie ich Sie verstanden habe, diese Oper fast von der Seele schreiben. Was fasziniert Sie so sehr an Dostojewskis Novelle?

Fredric Kroll:
Damals, mit 19 Jahren, habe ich mich eins zu eins mit dem Träumer identifiziert, der noch nie eine Frau angesprochen hat und sich keinen Rat weiß, wie man eine Frau ansprechen könnte; der nur in seinen Träumen lebt und sich selbst als nicht lebensfähig empfindet. In meiner Oper ist der Träumer eine wahrhaft autobiographische Figur. Ich habe mich im Laufe der dazwischen liegenden Jahre dem äußerlichen Anschein nach zwar gewandelt, aber ganz tief unten bin ich immer noch derselbe. Weil der Träumer Nástenka liebt, liebe auch ich sie – als diejenige, die nur darum erreichbar ist, weil ein anderer ihr das Herz gebrochen hat und sie der Tröstung bedarf, die ich ihr zu spenden mich bemühe.

A.B:
Wie erklärt sich die ausgesprochen lange Entstehungsgeschichte (1980-2018) des Werks?

F.K:
Die Entstehung dauerte noch viel länger. Ich sah die Dramatisierung von Dostojewskis Novelle im deutschen Fernsehen 1964 und wusste sofort, dass diese Geschichte meine nächste Oper sein würde. Ich arbeitete damals noch am 3. Akt meiner ersten Oper The Scarlet Letter, die ich zum nackten psychischen Überleben komponierte und die erst 1965 fertig wurde. 1966/67 schrieb ich das Vorspiel zum 1. Akt der Nacht an der Newa. Weil die Eastman School of Music mich 1961 nicht aufgenommen hatte und die mit ihr verbundene University of Rochester mich gebeten hatte, ein anderes Fach zu wählen, wurde ich schließlich 1973 promovierter Germanist mit einer Dissertation über Klaus Mann. 1976 erhielt ich von einem Verlag, der stets am Rande des Ruins schwebte, den Auftrag, eine umfangreiche Biographie über Klaus Mann zu erstellen. Während einer Finanzkrise des Verlags 1979/80 habe ich den 1. Akt der Nacht an der Newa komponiert; danach hat mich die Arbeit an Klaus Mann voll in Anspruch genommen bis zum Erscheinen der 3.000 Seiten langen Biographie (deren Anfänge bis ins Jahr 1960 zurückreichen) zum 100. Geburtsjahr Klaus Manns 2006. 2007 bis 2010 habe ich The Scarlet Letter instrumentiert, 2011 habe ich einen Großteil meiner mittlerweile 50 Lieder selbst mit dem Computer für den Druck (in der edition 49) gesetzt, und 2012 habe ich die Arbeit an Eine Nacht an der Newa wiederaufgenommen. Von der Psyche der Großmutter und des Kaufmanns hatte ich überhaupt keine Ahnung, darum habe ich den 2. Akt 2016 – nach der Instrumentierung der Akte 1 und 3 - als letzten zu komponieren begonnen. Im Vorspiel zum 2. Akt, der ausschließlich aus Nastenkas 1965/66 zunächst als Lied Zuruf mit meinem eigenen Text entstandener Verzweiflungsarie besteht, spielen diese beiden gar keine Rolle. Erst beim Komponieren des 2. Aktes 2016/17 (obwohl ich das Libretto bereits 1975 geschrieben hatte) hat sich mir erschlossen, wer sie sind, sodass ich meinem eigenen Schaffensprozess fasziniert zugeschaut habe. Die Instrumentation des 2. Aktes und damit die ganze Oper habe ich 2017 zu Ende geführt.

Event-Info

Programm:
Fredric Kroll (*1945) Eine Nacht an der Newa (drei Aktvorspiele zur gleichnamigen Oper) Uraufführung
Peter Tschaikowski (1940-1893) Slawischer Marsch
***
Paul Dukas (1865-1935) Sinfonie in C

Interview Alban Beikircher - Fredric Kroll:

Alban Beikircher:
Ihre Oper entstand, wie Sie mir sagten, nicht auf Grund eines Auftrags, sondern aus einem inneren Antrieb heraus. Sie mussten sich, wie ich Sie verstanden habe, diese Oper fast von der Seele schreiben. Was fasziniert Sie so sehr an Dostojewskis Novelle?

Fredric Kroll:
Damals, mit 19 Jahren, habe ich mich eins zu eins mit dem Träumer identifiziert, der noch nie eine Frau angesprochen hat und sich keinen Rat weiß, wie man eine Frau ansprechen könnte; der nur in seinen Träumen lebt und sich selbst als nicht lebensfähig empfindet. In meiner Oper ist der Träumer eine wahrhaft autobiographische Figur. Ich habe mich im Laufe der dazwischen liegenden Jahre dem äußerlichen Anschein nach zwar gewandelt, aber ganz tief unten bin ich immer noch derselbe. Weil der Träumer Nástenka liebt, liebe auch ich sie – als diejenige, die nur darum erreichbar ist, weil ein anderer ihr das Herz gebrochen hat und sie der Tröstung bedarf, die ich ihr zu spenden mich bemühe.

A.B:
Wie erklärt sich die ausgesprochen lange Entstehungsgeschichte (1980-2018) des Werks?

F.K:
Die Entstehung dauerte noch viel länger. Ich sah die Dramatisierung von Dostojewskis Novelle im deutschen Fernsehen 1964 und wusste sofort, dass diese Geschichte meine nächste Oper sein würde. Ich arbeitete damals noch am 3. Akt meiner ersten Oper The Scarlet Letter, die ich zum nackten psychischen Überleben komponierte und die erst 1965 fertig wurde. 1966/67 schrieb ich das Vorspiel zum 1. Akt der Nacht an der Newa. Weil die Eastman School of Music mich 1961 nicht aufgenommen hatte und die mit ihr verbundene University of Rochester mich gebeten hatte, ein anderes Fach zu wählen, wurde ich schließlich 1973 promovierter Germanist mit einer Dissertation über Klaus Mann. 1976 erhielt ich von einem Verlag, der stets am Rande des Ruins schwebte, den Auftrag, eine umfangreiche Biographie über Klaus Mann zu erstellen. Während einer Finanzkrise des Verlags 1979/80 habe ich den 1. Akt der Nacht an der Newa komponiert; danach hat mich die Arbeit an Klaus Mann voll in Anspruch genommen bis zum Erscheinen der 3.000 Seiten langen Biographie (deren Anfänge bis ins Jahr 1960 zurückreichen) zum 100. Geburtsjahr Klaus Manns 2006. 2007 bis 2010 habe ich The Scarlet Letter instrumentiert, 2011 habe ich einen Großteil meiner mittlerweile 50 Lieder selbst mit dem Computer für den Druck (in der edition 49) gesetzt, und 2012 habe ich die Arbeit an Eine Nacht an der Newa wiederaufgenommen. Von der Psyche der Großmutter und des Kaufmanns hatte ich überhaupt keine Ahnung, darum habe ich den 2. Akt 2016 – nach der Instrumentierung der Akte 1 und 3 - als letzten zu komponieren begonnen. Im Vorspiel zum 2. Akt, der ausschließlich aus Nastenkas 1965/66 zunächst als Lied Zuruf mit meinem eigenen Text entstandener Verzweiflungsarie besteht, spielen diese beiden gar keine Rolle. Erst beim Komponieren des 2. Aktes 2016/17 (obwohl ich das Libretto bereits 1975 geschrieben hatte) hat sich mir erschlossen, wer sie sind, sodass ich meinem eigenen Schaffensprozess fasziniert zugeschaut habe. Die Instrumentation des 2. Aktes und damit die ganze Oper habe ich 2017 zu Ende geführt.